HIGHLIGHT REFORMATORISCHER BILDPROPAGANDA

Illustriertes Schmachbuch gegen das Papsttum

AUTOR

Martin Schrot (gest. 1575)

HERAUSGEBER / KÜNSTLER

David Denecker (1530-1585)

TITEL

Von der Erschrocklichen Zurstörung unnd Niderlag deß gantzen Bapstumbs, gepropheceyet und geweissagt, durch die propheten, Christum, un(d) seine Aposteln, un(d) auß Johannis Apocalypsi figürlich unnd sichtlich gesehen. Durch ain Hochgelehrten, dise gegen würtige ding, vor sehr vil Jare(n) beschriben.

DRUCKER

Hans Gegler, Augsburg, 1558

INHALT & BEDEUTUNG

Erste und einzige Ausgabe dieses überaus seltenen, jedoch bedeutenden antipapistischen Werkes im hervorragenden Altkolorit aus der Zeit. Es handelt sich hierbei um eine „radikale Komödie“ – also kein Theaterstück zum realen Aufführen, sondern ein dramatisches Streitgespräch in Versen mit stark satirischem, volkstümlichem Ton.

Erst jüngere Forschungen haben ergeben, dass das Werk von dem Augsburger Meistersinger Martin Schrot verfasst wurde. Herausgegeben und mit prächtigen Holzschnitten illustriert von David De Necker (Denecker, Denegker) und gedruckt durch Hans Gegler.

„Wegen der Schrift ‚Von der Zerstörung des Papstthums‘ 1558 mußte er (Gegler) fliehen (nach Ingolstadt in die Weissenhorn-Druckerei), wurde eingekerkert, peinlich verhört und nach München in den Turm gebracht. Von dort gelang ihm eine Flucht durch ein Ofenloch nach Freising.“ (Benzing, Buchdrucker S. 18). Von Freising aus ersuchte er den Augsburger Rat um Wiederaufnahme, welche ihm 1560 gewährt wurde. Auch Denecker wurde wegen dieser Schrift inhaftiert und ging nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Wien.

Es handelt sich bei diesem Werk um ein

„Unbekanntes Erzeugniß der Reformationszeit. Das Ganze besteht, eine fünf Seiten lange Vorrede in Prosa ausgenommen, aus gereimten Monologen oder Gesprächen – wenn man will, ist es ein Drama. Die auftretenden Personen, an der Zahl 55, sind in der vorangehenden Aufzählung in ‚Himmliche‘, ‚Irdische‘ und ‚Höllische‘ eingetheilt; unter den ersteren wird Luther, unter den Irdischen die weltlichen Würdenträger und Stände, unter den letztgenannten das Papsttum, Tod und Teufel aufgeführt.“ (Kuczynski).

Die von Schrot prognostizierte und hier bildhaft dargestellte Apokalypse bestätigt die bevorstehende Vernichtung des Papsttums, im Rahmen der damals aktuellen Ereignisse (Durchsetzung der Reformation sowie die folgenden politischen Konflikte). Das Werk gilt also als eine apokalyptische Deutung der Kirchengeschichte, eine derbe, volkstümliche Abrechnung mit Rom und gleichzeitig eine evangelische Unterweisung für ein Laienpublikum. In der Vorrede erklärt Schrot, dass die „gegenwärtigen Dinge“ (Reformation, Religionskämpfe, Krise des Papsttums) längst in der Schrift geweissagt und Gottes Plan seien. Danach stellt er die 55 Figuren vor, welche er Himmel, Erde und Hölle zuordnet und erklärt, welche Rolle diese im folgenden geistlichen Drama spielen.

Himmlische Stimmen:
Propheten und Apostel klagen in Reimen über die Verfälschung des Evangeliums. Christus selbst tritt als Richter auf, der das Papsttum als „Antichrist“ entlarvt. Die Apokalypse (insbesondere Babylon/Hure, Tier, Drache) wird auf Rom und seine Geistlichkeit gedeutet.

Irdische Stimmen:
Kaiser, Könige, Fürsten, Stände und „gemeiner Mann“ schildern das Unrecht Roms: Ablasshandel, Geldgier, politischer Machtmissbrauch, Bedrückung der Untertanen. Die deutschen Stände klagen darüber, dass das Reich ausgesaugt werde mit Anklängen an den alten „Römerzug“-Diskurs und die Klage über „teutsche Noth“.

Höllische Stimmen:
Der Papst, Teufel und Tod sprechen: zunächst selbstsicher, dann immer verzweifelter. Der Teufel rühmt den Erfolg seiner „Pfaffenpolitik“, beklagt aber, dass nun Gottes Wort (Reformation) ihm die Beute entreißt. Die „Niederlage“ des Papsttums wird als vorweggenommene Verdammnis im Jüngsten Gericht ausgemalt.

Nach dem dramatischen Teil folgt ein Anhang mit rund 20 Prosastücken, die systematisch eine evangelische Glaubenslehre darstellen (Rechtfertigung allein aus Glauben, Schrift als höchste Autorität, Kritik der Messe etc.).

Zwischen 1540-1560 erlebt Augsburg einen Boom an satirisch-polemischen Bildwerken: „Lügenschmiede“- und „Narren“-Flugschriften, Pfaffen- und Mönchssatiren mit politisch konnotierten Tierallegorien, streckenweise sogar mit pornographisch-derben Papistsatiren. Der Augsburger Rat und die Reichsbehörden versuchten diese Produktionen einzudämmen.

Augsburg stand 1558 unter starkem konfessionellem Druck. Ein Werk, das das Papsttum als unmittelbar untergehendes Höllenreich zeigt, galt in dieser Schärfe als verbotene politische Agitation. Denecker und Gegler standen bereits unter Beobachtung. Das vorliegende Buch galt nun als Spitze einer Serie von Druckvergehen. Daher kam es zur Beschlagnahme, „peinlichen Befragung“ (Folterverhören) sowie der Flucht beider Beteiligten.

Martin Schrot war ein protestantischer Tendenzdichter des 16. Jahrhunderts, ansässig in Augsburg und dort wohl auch Goldschmied. Er war Mitglied der Meistersängerschule und zählte sogar zu der auserlesenen Zwölfzahl der Augsburger Meister. Er erfand eine 20-reimige Schrotweis und eine 24-reimige Narrenweis – in beiden hat auch Hans Sachs gedichtet.

AUSSTATTUNG

Zweispaltige gotische Type in bis zu 48 Zeilen und gedruckten Randkommentaren. Eine figürliche Holzschnitt-Titelbordüre, sieben nahezu ganzseitigen Holzschnitte und 94 Textholzschnitte von 71 Stöcken, davon 77 mit Bordüren, allesamt im prachtvollen zeitgenössischen Kolorit.

Die großen Holzschnitte zeigen die Verworfenheit der katholischen Kirche:

1.  Die Hure Babylon / Päpstin Johanna auf dem Tier
2.  Der himmlische Richter auf dem Thron mit den vernichteten Gegnern
3.  Der Engel mit den zwei feurigen Stäben (Strafgericht)
4.  Die Fesselung des Tieres durch Engel unter Gottvater
5.  Der personifizierte Tod mit der Sense
6.  Das Lamm Gottes auf dem Berg Zion mit den Seligen
7.  Die große Himmelsvision mit Christus, Engeln und der Stufenordnung des Gerichts

Die kleineren Holzschnitte, jeweils zu Beginn eines Auftritts abgedruckt, mit redenden Figuren, teilweise mit deren Wappen: Papst, Kaiser, Könige, Engel, Teufel, verschiedene Geistliche, Narr, Handwerker, Bauer, Bettler, Tod, Luther u.v.a.
Abmessungen Blatt: 30,3 x 21,5 cm; Satzspiegel: 24 x 16 cm.

KOLLATION

40 nicht num. Blatt. Vollständig.
Lagenformel: a-f6; g4.

EINBAND

Attraktiver Ledereinband des 19. Jahrhunderts. Rücken an den Bünden mit Rückenvergoldung. Buchblock mit dreiseitigem Rotschnitt. Guter Zustand. Deckel fleckig. Ganten und Gelenke berieben.
Folio: 31 x 23 x 2 cm.

ZUSTAND

Guter Zustand mit Alters- und Gebrauchsspuren. Weitgehend sauberes und breitrandiges Exemplar. In den Rändern mehr oder weniger stock- und fingerfleckig. I der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert neu aufgebunden und durchgehend breit angefalzt. Ab und an geschlossene Einrisse oder restaurierte Randläsuren im unteren Rand, selten bis in den Text reichend. Das Titelblatt mit großem Abriss und mit Text- und Bildverlust, jedoch kaum sichtbar durch eine Hand des 19. Jahrhunderts ergänzt bzw. retuschiert. Blatt d3 mit ebenso ergänztem Textverlust.

NACHWEIS

Literatur: VD16 S 4306; Graesse VI/2, 394; Kuczynski 3639 (unvollständig); nicht bei Adams und nicht im STC; ADB XXXII, 556 ff.
Bibliotheken: VD16 verzeichnet lediglich 9 Exemplare in Bibliotheken im deutschsprachigen Raum.

PROVENIENZ
  • Sammlung Christoph Jacob Treu (1695-1769) und dessen Erben – Exlibris auf dem Vorsatz, sowie spätere Exlibris seiner Erben auf den hinteren Vorsätzen. Christoph Jacob Treu war ein Nürnberger Arzt, Botaniker und Naturforscher.
  • Sammlung Jens Sattler (1810-1880) und dessen Erben – Exlibris auf dem Vorsatzblatt. Sattler war Chemiker und Schweinfurter Unternehmer.
  • Sammlung Dr. Werner Gademann – Dessen Besitzschild auf dem Vorderspiegel
KULTURGUT SICHER KAUFEN

Hiermit wird die einwandfreie Herkunft des vorliegenden Werkes bestätigt. Das Werk ist zum Zeitpunkt des Verkaufs frei von Rechten Dritter. Eine Ausfuhrgenehmigung der deutschen Kulturbehörden ist nicht erforderlich.

Preis
19.500 €
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Tilo Hofmann
Artikelnummer
T408
DIE VERNICHTUNG DES PAPSTTUMS

Die von Schrot prognostizierte und hier bildhaft dargestellte Apokalypse bestätigt die bevorstehende Vernichtung des Papsttums, im Rahmen der damals aktuellen Ereignisse (Durchsetzung der Reformation sowie die folgenden politischen Konflikte). Das Werk gilt also als eine apokalyptische Deutung der Kirchengeschichte, eine derbe, volkstümliche Abrechnung mit Rom und gleichzeitig eine evangelische Unterweisung für ein Laienpublikum.

In der Vorrede erklärt Schrot, dass die „gegenwärtigen Dinge“ (Reformation, Religionskämpfe, Krise des Papsttums) längst in der Schrift geweissagt und Gottes Plan seien.

Danach stellt er die 55 Figuren vor, welche er Himmel, Erde und Hölle zuordnet und erklärt, welche Rolle diese im folgenden geistlichen Drama spielen.

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Highlight

Horologium pulsat - vita fugit.
„Die Uhr schlägt - das Leben vergeht.“

Monumentales barockes Turmuhrwerk

Ein 350 Jahre altes Meisterwerk der Technik aus Eisen, Bronze, Stein und Holz erzeugt einen Herzschlag der Zeit, der ganze Generationen begleitete. Die Zahnräder greifen vollendet ineinander, sie messen die Stunden mit Präzision – und mahnen, dass auch unser Maß begrenzt ist.

 

Dieses monumentale Uhrwerk des 17. Jahrhunderts ist mehr als ein Mechanismus aus Eisen und Zahnrad – es ist ein Sinnbild menschlicher Kunst und Vergänglichkeit. In vollendeter Präzision schlägt es die Stunden, ordnet den Tag und erhebt den Blick zum Ewigen. Doch jeder Schlag ruft auch ins Gedächtnis: Wie das Räderwerk unaufhaltsam kreist, so rinnt auch das Leben dahin – ein klingendes Memento mori im Takt der Jahrhunderte.

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